ÜBERLEGUNG VOR DER ANSCHAFFUNG EINES GELÄHMTEN ODER GEHBEHINDERTEN HUNDES

Überlegungen vor der Aufnahme eines gelähmten oder gehbehinderten Hundes Diese Überlegungen sollen Interessenten aufzeigen, was es bedeuten kann einen gelähmten oder gehbehinderten Hund aufzunehmen. Gleichzeitig sollen sie auch Tierschutzvereinen dazu dienen, bei Interessenten detailliert abzuklären, ob der Hund an der möglichen Pflege- oder Endstelle am optimalen Platz ist. Wir sprechen nachfolgend vom gelähmten Hund. Viele Fragen stellen sich auch beim gehbehinderten Hund. Diese Überlegungen entstanden in Zusammenarbeit mit mehreren Halterinnen von gelähmten sowie gehbehinderten Hunden. Jeder erlebt das Zusammenleben anders und nicht jede Begebenheit trifft auf jeden Hund zu. Wir haben auch persönliche Angaben eingefügt. Sie dienen als Einblick über die Erfahrungen, die gemacht wurden. Gerne ergänzen wir dieses Papier auch mit Ihren Eindrücken.

Grundsätzlich gilt für jeden neuen Hund, den Sie aufnehmen: Klären Sie genau ab, ob das neue Familienmitglied im Wesen dem entspricht, was Sie sich vorstellen und so auch in Ihre Familie passt. Kennen Sie den zuständigen Verein oder auch die Privatperson? Wird vom Vermittler seriös gearbeitet oder wird vor allem die Tränendrüsentaktik angewendet? Hunde- oder Katzenkauf ist keine Schnäppchenjagd sondern sollte gut überlegt sein. Bedenken Sie dabei immer, dass Sie ein Familienmitglied aufnehmen, welches Sie über Jahre begleiten soll und sich bei Ihnen auch wohlfühlen möchte.

Der gelähmte Hund
Weshalb möchten Sie einen gelähmten Hund aufnehmen? Weshalb soll es genau dieses Handicap sein? Sind alle involvierten Personen damit einverstanden? Diskutieren Sie dies und seien sie sich einig. Nicht jeder Mensch und das ist in keinster Weise wertend, kann bspw. mit einem Hund umgehen, der ins Haus kotet und pinkelt. Nicht jeder Mensch kann positive Gefühle für ein gelähmtes Familienmitglied aufbringen. Dies ist jedoch wichtig, da ihr neuer Mitbewohner ein Familienmitglied sein soll und auch geliebt werden will.

Es ist ein Hund wie jeder andere auch. Er hat dieselben Bedürfnisse, möchte spazieren, schnüffeln, spielen, etc. aber er hat ein Handicap. Wir gehen zuerst auf ein paar Punkte ein, die wir als sehr relevant ansehen und auch die meisten Schwierigkeiten bereiten.

Überlegungen, die sich stellen

Inkontinenz
Gelähmte Hunde sind oft inkontinent. Sie können die Urinabgabe nicht steuern (Schliessmuskel ausser Kontrolle). Die Inkontinenz ist eines der gefährlichsten gesundheitlichen Probleme von gelähmten Hunden. Wird die Blase nicht regelmässig geleert, kann dies zu einer Überlaufblase (sie leert sich von selber – überläuft) und dadurch zu einem Rückstau in die Nieren führen. Ein Rückstau kann zu schwerwiegenden Infektionen und somit zum Tode führen. Die Blase muss regelmässig geleert werden! Auch der Kot kann oft nicht kontrolliert abgesetzt werden. Im schwerwiegendsten Falle muss der Darm ausmassiert werden. Die Gerüche, die entstehen müssen Sie aushalten. Trauen Sie sich dies zu?

Inkontinenz und unkontrollierter Stuhlgang bedeuten auch: Teppiche in der Wohnung sind eher ungünstig. Der Hund kann selbstverständlich auch gewindelt werden. Eine Entscheidung, die jeder selber treffen muss. Windeln bedeuten ein erhöhter Pflegeaufwand in Bezug auf Wundsein, oft waschen, desinfizieren. Nicht windeln bedeutet, viel putzen, Böden desinfizieren und auch den Hund säubern. Kriechende Kleinkinder im Hause? Auch eine Überlegung wenn es um die Hygiene geht. Eine Halterin schreibt sogar, dass ihr Hund immer mit dabei ist und das Auto als zweites Zimmer akzeptiert hat und auch jeder weiss, die Fellnase ist mit. Dies weil sie regelmässig die Blase entleeren muss.

Blasenentzündung
Dies ist vor allem bei Weibchen ein weitverbreitetes Übel. Kalte Böden führen oft dazu. Der Schutz durch eine Windel oder ein Höschen oder warme Decken auf den Böden und in der Kälte im Freien eventuell ein Rutschsack, etc. können helfen dies zu verhindern. Jeder Hund ist anders. Einige haben nie eine Blasenentzündung andere leiden chronisch darunter.

Pfoten-/Beinschutz
Der Hund kriecht. Der Rollwagen ist wichtig und notwendig aber die meisten Stunden am Tage kriecht der Hund. Dabei zieht er seine Hinterbeine hinter sich her. Je nach Stellung und wie er sie noch bewegt oder nicht, ist es zwingend notwendig die Pfoten evtl. sogar die Beine einzubinden. Lassen Sie einen Hund NIE ohne Pfotenschutz auf harten Böden herumkriechen! Die Wunden die entstehen können zu sehr tiefen bis auf den Knochen dringenden Verletzungen führen, die wegen der Lähmung nur sehr schlecht wieder heilen.

Rollwagen - Spazieren
Der Rollwagen ist zwingend notwendig damit der Hund unter seinesgleichen mit zum Spazieren kann. Zudem ist es eine notwendige Entlastung für den Rücken und den gesamten Bewegungsapparat. Er kann mit ein wenig Übung und je nach Hundeart sehr lange Spaziergänge unternehmen. Die meisten Hunde kommen nach wenigen Tagen sehr gut mit einem Rollwagen klar. Wichtig: der Rollwagen muss auf den Hund angepasst sein! Ist er das nicht, leidet der gesamte Bewegungsapparat darunter. Bedenken Sie aber auch, dass der Hund nicht den gesamten Tag im Rollwagen verbringen darf. Er kann sich mit dem Rollwagen nicht hinlegen und ausruhen. Besuchen Sie bspw. ein Restaurant, spannen Sie den Hund aus dem Rollwagen aus, damit er sich ausruhen kann.

Ein Hund im Rollwagen bedeutet für Sie, dass Treppen schwierig sind, sehr steile Strassen können schwierig werden. Sie müssen sich den Möglichkeiten des Hundes anpassen. Eine steile Bergregion ist sicher weniger geeignet für einen Rollihund als das Flachland. Haben Sie genügend Platz im Auto für den Rollwagen? Es gibt Modelle die mehr oder weniger Platz benötigen.

Haus, Wohnung, Umschwung
Das ideale Daheim ist ohne Treppen. Der Hund ist ein Familienmitglied und sollte sich dort aufhalten dürfen wo auch Sie sind. Eine Wiese vor dem Haus? Sehr schön für den Hund. Vieles ist auch abhängig davon, wie schwer der Hund ist. Einen Hund mit 5 kg tragen Sie problemlos die Treppen rauf und runter, bei 15 kg sieht dies schon anders aus. Bedenken Sie dies bitte. Ihr Rücken muss damit klarkommen und auch dem Hund soll wohl dabei sein, wenn er getragen und nicht geschleppt wird.

Tages- und Ferienplätze
Für einen gelähmten Hund einen Tages- oder Ferienplatz zu finden ist sicher möglich (wir führen eine Liste mit Möglichkeiten) aber kann je nachdem wo Sie zu Hause sind auch schwierig sein.

Tägliche Begegnungen
Einen gemütlichen Spaziergang an einem sonnigen Wochenende kann man praktisch vergessen, ausser man lebt völlig abseits wo es keine Menschen gibt. Aber in normalen Wohngegenden wird man an einem gewöhnlichen Sonntag-Nachmittag mehrmals auf seinen Hund angesprochen und muss immer und immer wieder die Geschichte erzählen.

Meistens sind die Reaktionen positiv. Aber auch mit den negativen Bemerkungen muss man leben können resp. umgehen können. Das ist sicher je nach persönlichem Charakter einfacher oder schwerer.

Aussage einer Rolli-Hund-Besitzerin: Ich spüre sehr stark den Unterschied, wenn ich nur mit meinem "gesunden" Hund laufen gehe. Da geht man in der Masse unter und  keiner dreht sich nach dir um. Aber kaum ist die Rolli-Hündin dabei, ist man überall der Mittelpunkt.

Physiotherapie/Osteopathie
Bedenken Sie dass der Hund immer auf seinen Vorderpfoten unterwegs ist und seinen Oberkörper enorm belastet. Eine regelmässige Physio- oder auch mal zur Osteopathie ist sinnvoll. Viele Physiotherapeuten zeigen auch, was man selber dem Hund Gutes tun kann.

Zeitaufwand
 Wie Sie den letzten Abschnitten entnehmen konnten, ist der zeitliche Aufwand für einen gelähmten Hund sicher grösser als für einen gesunden Hund (Einbinden der Pfoten, Pflegeaufwand durch Inkontinenz und Kotabsatz, Putzen, Einspannen in den Rollwagen, Physiotherapie, etc.). Dies kommt zum Spazieren, Spielen, Hundeschule, etc. dazu.

Tierärzte
Seien Sie sich bewusst, dass Ihr über alles geschätzter Tierarzt eventuell kein Verständnis dafür hat, dass Sie einen gelähmten Hund aufgenommen haben. Nach wie vor gibt es viele Tierärzte, für die ein gelähmter Hund eingeschläfert gehört. Eventuell müssen Sie sich einen neuen Tierarzt suchen, bei dem das Verständnis vorhanden ist.

Kosten
Es ist nicht möglich, Aussagen über die Höhe der anfallenden Kosten zu machen. Dies hängt sehr stark davon ab, wie der Gesundheitszustand des Hundes ist.

Überlegungen, die sich stellen wenn Sie bei einem Verein anfragen
Grundsätzliche Fragen: Wie ist das Wesen des Hundes (Sozialverhalten), Hunde- und Katzenverträglichkeit, Erfahrungen mit Kindern (nicht Säuglinge!), irgendwelche speziellen Eigenschaften, usw.

Verletzungen
Weshalb ist der Hund behindert? Hier ein sehr wichtiger Hinweis. Heisst es, dass der Hund wieder laufen wird, verlassen Sie sich nicht darauf. Untersuchungen im Ausland sind oft nicht professionell, man will den Hund einfach abschieben oder weiss es einfach nicht besser. Stellen Sie sich daher unbedingt die Frage, ob der Hund auch bei Ihnen bleiben kann, wenn er nicht mehr läuft und gelähmt bleibt. Bedenken Sie auch, dass ein Handicap-Hund schwer zu vermitteln ist. Sind aussagekräftige Röntgenbilder oder andere Untersuchungen gemacht worden? Erhalten Sie dazu die Unterlagen und können gegebenenfalls selber bei Ihrem TA sich erklären lassen, was das heisst. Wenn Untersuchungen noch gemacht werden müssen, bezahlt diese der Verein oder müssen Sie die Kosten selber tragen? Hat der Hund eine Verletzung, wegen der er oft in die Physiotherapie muss? Auch hier stellt sich die Frage der Kostenübernahme. Gerade zu Beginn können für eine gute und saubere Abklärung oder für notwendige Therapien hohe Kosten auf Sie zukommen. Können Sie diese selber tragen oder trägt sie der Verein?

Rollwagen
Wird ein optimaler Rollwagen mitgeliefert oder müssen Sie diesen selber organisieren? Die Kosten für einen Rollwagen je nach Grösse und Modell belaufen sich zwischen CHF 350 und CHF 1000. Oft sehen Sie Bilder auf diesen steht ein Hund in einem Rollwagen, der aber nur zu Photozwecken benutzt wurde und für den Hund alles andere als optimal ist.

Weitere Hilfsmittel
Sind weitere Hilfsmittel notwendig und wer trägt die Kosten

Nahestehend finden Sie eine Checkliste mit den Punkten zusammengefasst

- Infos zum Hund allgemein (Wesen, Verträglichkeiten, spezielle Eigenschaften, etc.) 
- Verletzungen (Was ist passiert? Sind Unterlagen wie Röntgenbilder, MRT, CT, etc.                    vorhanden?) 
- Welche Abklärungen müssen noch gemacht werden und wer trägt die Kosten?
- Sind andere Krankheiten vorhanden (Herzwürmer, Leishmaniose, etc.)? 
- Inkontinenz und Kotabgabe (Wie ist der Stand?) 
- Weiterer Pflegeaufwand? 
- Stehen geeignete Hilfsmittel zur Verfügung wie Rollwagen, etc.? Wenn nein, wer trägt die       Kosten? 
- Wer trägt die Kosten für Therapien? 
- Kann ich den zeitlichen Pflegeaufwand bewerkstelligen? 
- Kann ich für die Mehrkosten für Pfotenschutz, Windeln, etc. selber aufkommen? 
- Eignet sich mein Daheim für einen gelähmten Hund (Treppen, Teppiche)? 

Auch wenn Sie sich in einen Hund verliebt haben, stellen Sie sich unbedingt die Kosten- sowie die Zeitfrage. Es ist weder Ihnen noch dem Hund gedient, wenn weder die Zeit noch das Geld für Aufwand und Pflege vorhanden ist.
Der Verein für behinderte Hunde vermittelt keine Auslandshunde. Wir stehen Ihnen aber bei Interesse gerne mit Rat zur Seite und unterstützen Sie bei Ihren Anliegen. Ebenso sind in der CH Kontakte von Halterinnen vorhanden, die Sie gerne unterstützen und von ihren Erfahrungen berichten. 

DEN gelähmten Hund nach Schema F gibt es nicht. Frauchen und Herrchen von gelähmten Hunden sind oft sehr kreative Menschen. Immer auf der Suche nach der optimalen Lösung für Ihre Fellnase. Und: sie geben ihre Erfahrungen auch gerne weiter und tauschen sich aus.

Verein für behinderte Hunde
Februar 2017